Liquiditätsgrade
Marcus Smolarek
Gründer von finban
Zuletzt aktualisiert
Die Liquiditätsgrade setzen das kurzfristig verfügbare Vermögen eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinen kurzfristigen Verbindlichkeiten: Liquidität 1. Grades zählt nur das Geld auf dem Konto, Liquidität 2. Grades zusätzlich die offenen Kundenrechnungen, Liquidität 3. Grades zusätzlich das Lager. Alle drei sind derselbe Bruch mit demselben Nenner — sie unterscheiden sich nur darin, was im Zähler als „verfügbar" gilt.
Deshalb ergeben sie nur zusammen ein Bild. Ein Betrieb kann bei der Liquidität 1. Grades gut dastehen und bei der 3. Grades unter dem üblichen Band liegen, und das ist keine Ungereimtheit, sondern eine Aussage: Es liegt Geld auf dem Konto, aber die Summe der kurzfristigen Verbindlichkeiten ist größer als alles, was in den nächsten zwölf Monaten daraus wieder Geld wird.
Diese Seite erklärt die drei Formeln, welche Bilanzposten wirklich hineingehören, rechnet ein Beispiel durch, ordnet die kursierenden Richtwerte ein — und sagt am Ende deutlich, welche Frage die Liquiditätsgrade nicht beantworten.
Die drei Liquiditätsgrade auf einen Blick
| Kennzahl | Englisch | Formel | Was in den Zähler kommt |
|---|---|---|---|
| Liquidität 1. Grades (Barliquidität) | Cash Ratio | Flüssige Mittel ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 | Kasse, Bankguthaben, Schecks |
| Liquidität 2. Grades (Einzugsliquidität) | Quick Ratio, Acid Test | (Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 | zusätzlich offene Kundenrechnungen |
| Liquidität 3. Grades (Gesamtliquidität) | Current Ratio | Umlaufvermögen ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 | zusätzlich Vorräte und sonstige Posten des Umlaufvermögens |
Die Formeln in dieser Form stehen so im Gabler Banklexikon. Multipliziert wird mit 100, weil die Liquiditätsgrade im deutschen Sprachraum als Prozentwert angegeben werden. Im englischen Sprachraum lässt man den Faktor weg und schreibt dieselbe Zahl als Verhältnis: 116 % und 1,16 sind derselbe Wert.
Und die zweite Hälfte der Frage — was ein Wert eigentlich heißt:
| Kennzahl | Häufig genanntes Band | Darunter heißt praktisch | Darüber heißt praktisch |
|---|---|---|---|
| Liquidität 1. Grades | 10–30 % | Rechnungen, die morgen fällig sind, lassen sich nicht aus dem Bestand bezahlen — es muss erst Geld eingehen | Geld liegt auf dem Konto, statt zu arbeiten; ab einem gewissen Punkt eine Frage an die Kapitalbindung, nicht an die Zahlungsfähigkeit |
| Liquidität 2. Grades | 100–120 % | Konto plus offene Rechnungen decken die kurzfristigen Schulden nicht; die Lücke muss aus dem Lager oder aus neuem Umsatz kommen | kurzfristige Schulden sind ohne Lagerverkauf gedeckt |
| Liquidität 3. Grades | über 120 % | negatives Working Capital: kurzfristige Schulden finanzieren mit, was langfristig im Unternehmen steht | das Umlaufvermögen deckt die kurzfristigen Schulden mit Abstand |
Die Bänder stammen von Creditreform. Sie sind Faustregeln aus der Bilanzanalyse und kein Standard — wie belastbar sie sind, steht weiter unten unter Was die Richtwerte taugen.
Liquidität 1. Grades: Cash Ratio
Die Liquidität 1. Grades misst, welcher Anteil der kurzfristigen Verbindlichkeiten sich sofort aus vorhandenem Geld bezahlen ließe. Sie ist die strengste der drei Kennzahlen, weil im Zähler nur steht, was heute Geld ist.
Formel: Flüssige Mittel ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
Dass der Richtwert hier bei 10 bis 30 Prozent liegt und nicht bei 100, verwirrt beim ersten Lesen. Der Grund ist banal: Kein Unternehmen hält Geld für alle Rechnungen des nächsten Jahres auf dem Konto. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten werden über zwölf Monate fällig, und in diesen zwölf Monaten kommt laufend Geld herein. Ein Wert von 100 Prozent wäre kein Zeichen von Stärke, sondern von Kapital, das nichts tut.
Eine Uneinheitlichkeit solltest du kennen, weil sie erklärt, warum zwei Berechnungen für dasselbe Unternehmen auseinandergehen: Manche Quellen zählen kurzfristig verkäufliche Wertpapiere des Umlaufvermögens zu den flüssigen Mitteln, andere nicht. Nach der Gliederung des § 266 Abs. 2 HGB sind das zwei verschiedene Posten — Wertpapiere stehen unter B III, Kasse und Bankguthaben unter B IV. Wenn du deinen Wert mit dem eines anderen Betriebs vergleichst, lohnt der Blick, was dort im Zähler steht.
Liquidität 2. Grades: Quick Ratio
Die Liquidität 2. Grades rechnet die offenen Kundenrechnungen mit ein und zeigt damit, ob die kurzfristigen Schulden ohne den Verkauf von Lagerbestand gedeckt sind. Im englischen Sprachraum heißt sie Quick Ratio oder Acid Test.
Formel: (Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
Für die meisten Dienstleister ist das die aussagekräftigste der drei Zahlen, weil sie kein nennenswertes Lager haben — Liquidität 2. und 3. Grades liegen dort ohnehin dicht beieinander.
Der wunde Punkt dieser Kennzahl ist der Zähler: Forderungen werden zum Nennwert eingesetzt. Die Bilanz sagt nicht, ob eine Rechnung seit 14 Tagen oder seit 90 Tagen offen ist, und sie sagt nicht, welcher Kunde erfahrungsgemäß erst nach der zweiten Mahnung zahlt. Zwei Betriebe mit identischer Liquidität 2. Grades können völlig unterschiedlich dastehen. Wer das ernst nehmen will, sieht sich die Forderungen nach Alter an — der Liquiditätsstatus macht genau das.
Liquidität 3. Grades: Current Ratio
Die Liquidität 3. Grades setzt das gesamte Umlaufvermögen gegen die kurzfristigen Verbindlichkeiten und ist damit die weiteste der drei Kennzahlen. Sie heißt auch Gesamtliquidität, im Englischen Current Ratio.
Formel: Umlaufvermögen ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
Ein Wert unter 100 Prozent hat eine sehr konkrete Bedeutung: Das Working Capital ist negativ. Kurzfristige Schulden finanzieren dann einen Teil dessen, was langfristig im Unternehmen gebunden ist — Maschinen, Einrichtung, Fahrzeuge. Solange die Anschlussfinanzierung steht, funktioniert das; sobald eine Bank nicht verlängert, wird es eng. Genau das rechnet der Working-Capital-Rechner als absoluten Betrag statt als Verhältnis aus.
Nach oben ist diese Kennzahl am leichtesten zu schönen. Ein volles Lager hebt sie, ohne dass ein einziger Euro mehr verfügbar wäre — und ein Lager, das sich nicht dreht, ist gebundenes Geld, kein Polster.
Welche Bilanzpositionen gehören in welchen Grad?
Die drei Formeln sind schnell abgeschrieben. Die eigentliche Arbeit ist, die richtigen Zahlen aus der Bilanz zu holen. Die Gliederung dafür gibt § 266 HGB vor:
| Bilanzposten (§ 266 HGB) | Grad 1 | Grad 2 | Grad 3 |
|---|---|---|---|
| B IV Kassenbestand, Bundesbankguthaben, Guthaben bei Kreditinstituten, Schecks | ja | ja | ja |
| B III Wertpapiere des Umlaufvermögens | uneinheitlich | ja | ja |
| B II Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (Restlaufzeit bis 1 Jahr) | nein | ja | ja |
| B II sonstige Vermögensgegenstände (kurzfristig) | nein | ja | ja |
| B I Vorräte: Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, unfertige und fertige Erzeugnisse, Waren | nein | nein | ja |
| C Aktive Rechnungsabgrenzungsposten | nein | nein | nein |
| A Anlagevermögen | nein | nein | nein |
Im Nenner steht bei allen drei Graden dasselbe: die Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr. Die musst du nicht schätzen — nach § 268 Abs. 5 HGB ist der Betrag der Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr bei jedem gesondert ausgewiesenen Posten zu vermerken. Kurzfristige Rückstellungen und erhaltene Anzahlungen gehören ebenfalls dazu, wenn sie innerhalb eines Jahres zu Auszahlungen führen.
Zwei Fehler passieren dabei besonders häufig:
- Die gesamte Position „Verbindlichkeiten" nehmen, statt nur den kurzfristigen Anteil. Das drückt alle drei Grade nach unten und macht jeden Vergleich wertlos.
- Forderungen mit Restlaufzeit über einem Jahr mitzählen. Sie stehen im selben Bilanzposten, gehören aber nicht in eine Kennzahl, die die nächsten zwölf Monate meint. Nach § 268 Abs. 4 HGB sind sie gesondert vermerkt.
Beispiel: die drei Grade an einer Bilanz durchgerechnet
Die folgenden Zahlen sind ein erfundenes Rechenbeispiel, keine Branchenwerte. Sie sollen nur zeigen, wie die drei Grade auseinanderlaufen können.
Die Muster GmbH, ein Handelsbetrieb, weist zum 31.12. aus:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Flüssige Mittel | 60.000 € |
| Kurzfristige Forderungen | 140.000 € |
| Vorräte | 90.000 € |
| Umlaufvermögen gesamt | 290.000 € |
| Kurzfristige Verbindlichkeiten | 250.000 € |
Daraus:
- Liquidität 1. Grades = 60.000 ÷ 250.000 × 100 = 24,0 %
- Liquidität 2. Grades = (60.000 + 140.000) ÷ 250.000 × 100 = 80,0 %
- Liquidität 3. Grades = 290.000 ÷ 250.000 × 100 = 116,0 %
Gemessen an den oben genannten Bändern liegt der 1. Grad mitten drin, der 2. und der 3. Grad darunter. Wer nur die erste Zahl liest, hält den Betrieb für gut aufgestellt.
Übersetzt heißt das Ergebnis: 200.000 € werden in den nächsten zwölf Monaten ohne Zutun zu Geld — Kontostand plus offene Rechnungen. Fällig sind im selben Zeitraum 250.000 €. Die Lücke von 50.000 € muss aus dem Lager kommen, also aus Umsatz, der erst noch gemacht werden muss. Das ist keine akute Krise, aber es ist eine Abhängigkeit, die in der ersten Zahl nicht sichtbar war.
Rechner: die drei Grade mit deinen Zahlen
Vier Beträge aus der Bilanz, und die drei Grade rechnen sich mit. Voreingestellt sind die Zahlen der Muster GmbH von oben — überschreib sie mit deinen eigenen.
Was die Richtwerte taugen — und was nicht
Die Bänder 10–30 %, 100–120 % und über 120 % stehen auf fast jeder Seite zu diesem Thema. Es lohnt sich zu wissen, woher sie kommen und woher nicht.
Sie kommen aus der Tradition der Bilanzanalyse und werden von Auskunfteien und Ratgebern weitgehend gleich wiedergegeben, unter anderem von Creditreform. Was sie nicht sind: eine Norm. Das Gabler Banklexikon nennt die Formeln, aber keine Zielwerte, und die Jahresabschlussanalyse bei Haufe hält von vornherein fest, dass „die Aussagekraft der Liquiditätsgrade begrenzt" ist. Es gibt keinen Paragrafen und keinen Standard, der einen Liquiditätsgrad vorschreibt.
Praktisch heißt das dreierlei:
- Die Branche entscheidet mit. Ein Einzelhändler mit Barumsatz und Lieferantenzielen arbeitet strukturell mit anderen Werten als eine Agentur, die auf 30 Tage Zahlungsziel fakturiert. Dasselbe Band auf beide zu legen, sagt wenig.
- Der eigene Verlauf sagt mehr als das Band. Ein Wert, der über vier Quartale fällt, ist ein Signal — auch dann, wenn er noch innerhalb des Bands liegt.
- Wer den Wert wirklich benutzt, ist die Bank. Im Rating fließen Liquiditätskennzahlen ein, aber im Verbund mit Eigenkapitalquote, Verschuldungsgrad und Ertragslage. Ein einzelner Grad kippt dort keine Entscheidung.
Warum ein hoher Liquiditätsgrad nicht automatisch gut ist
Alle drei Kennzahlen lassen sich heben, ohne dass sich die Lage verbessert.
Der 1. Grad steigt, wenn du Geld auf dem Konto liegen lässt, statt es einzusetzen. Der 2. Grad steigt, wenn Kunden langsamer zahlen und der Forderungsbestand wächst — dieselbe Zahl, die als Stärke gelesen wird, kann ein Zahlungsproblem auf der Kundenseite sein. Der 3. Grad steigt mit dem Lager, und ein Lager, das sich nicht dreht, ist die unbeweglichste Form von gebundenem Geld.
Umgekehrt gilt: Ein Betrieb mit einer Liquidität 3. Grades von 90 Prozent, der von seinen Kunden auf Rechnung sofort bezahlt wird und seinen Lieferanten 60 Tage schuldet, ist völlig gesund. Bei ihm ist das negative Working Capital das Geschäftsmodell und keine Schwäche.
Deshalb ist die nützlichere Frage nicht „ist der Wert hoch genug", sondern: Wodurch ist er so, wie er ist, und in welche Richtung bewegt er sich?
Die Grenze der Kennzahl: ein Stichtag sagt nichts über den nächsten Monat
Das ist der wichtigste Absatz auf dieser Seite. Liquiditätsgrade sind Stichtagswerte aus der Bilanz. Sie beschreiben ein Verhältnis an einem einzigen Tag — sie sagen nichts darüber, ob in acht Wochen Geld auf dem Konto ist.
Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern der ausdrückliche Vorbehalt der Fachliteratur. Das Gabler Banklexikon ordnet die Liquiditätsgrade der statischen, bilanziellen Liquidität zu. Haufe formuliert es direkter: Die Aussagekraft sei begrenzt, „da weder die nach dem Bilanzstichtag neu entstehenden Auszahlungen und Auszahlungsverpflichtungen noch die entsprechenden Einzahlungen in ihrer Höhe und mit ihrem Zeitbezug berücksichtigt werden".
Drei Folgen davon im Alltag:
- Der Zeitpunkt ist beeinflussbar. Eine Zahlung, die am 2. Januar statt am 30. Dezember rausgeht, verändert alle drei Grade zum Stichtag, ohne dass sich am Geschäft irgendetwas geändert hätte.
- Die Reihenfolge fehlt. Zwei Betriebe mit identischer Liquidität 2. Grades können völlig verschieden dastehen, wenn beim einen die Verbindlichkeiten im Januar fällig sind und die Forderungen im März eingehen — beim anderen umgekehrt.
- Die Zahl ist alt, wenn sie vorliegt. Zwischen Bilanzstichtag und fertigem Jahresabschluss liegen in der Praxis Monate.
Wer wissen will, ob das Geld reicht, braucht deshalb keine bessere Kennzahl, sondern eine andere Art von Rechnung: eine Liquiditätsplanung, die Ein- und Auszahlungen mit Datum in die Zukunft schreibt. Als schnellster Einstieg dafür rechnet der Liquiditätsrechner aus Kontostand und laufenden Ein- und Auszahlungen die Reichweite in Monaten aus — dieselbe Frage, aber vorwärts gestellt statt rückwärts.
Die beiden Sichten widersprechen sich nicht. Die Liquiditätsgrade sind das Röntgenbild einer Bilanz und gehören ins Bankgespräch. Die Planung ist das, womit du den Monat steuerst. Wie du von der einen zur anderen kommst, steht unter Liquidität berechnen; die übrigen Zahlen, die in derselben Auswertung stehen, sind unter finanzielle Metriken gesammelt.
Wie du die Liquiditätsgrade verbesserst
Alles, was die Werte dauerhaft hebt, wirkt an einer von drei Stellen — und keine davon ist eine Buchungsfrage.
- Forderungen schneller zu Geld machen. Kürzere Zahlungsziele, Rechnung am Tag der Leistung statt zum Monatsende, konsequentes Mahnwesen. Wirkt auf Grad 1 und 2.
- Lager verkleinern. Weniger Kapital in Beständen heißt mehr Geld auf dem Konto. Hebt Grad 1 und 2, senkt Grad 3 nicht, weil das Geld im Umlaufvermögen bleibt.
- Kurzfristige Verbindlichkeiten in langfristige umwandeln. Ein Kontokorrentkredit, der in ein Darlehen mit mehrjähriger Laufzeit überführt wird, verlässt den Nenner. Das hebt alle drei Grade auf einen Schlag — und ändert am tatsächlich verfügbaren Geld zunächst nichts. Genau deshalb sollte man diesen Hebel kennen, bevor man eine fremde Bilanz liest.
Was hier bewusst nicht steht: Umsatz erhöhen. Mehr Umsatz mit denselben Zahlungszielen erhöht Forderungen und Verbindlichkeiten gleichzeitig und kann die Grade sogar senken. Wachstum verbraucht Liquidität, bevor es welche bringt.
Häufig gestellte Fragen
Was sind die drei Liquiditätsgrade?
Die drei Liquiditätsgrade setzen jeweils einen Teil des Umlaufvermögens ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Liquidität 1. Grades rechnet nur mit den flüssigen Mitteln, Liquidität 2. Grades zusätzlich mit den kurzfristigen Forderungen, Liquidität 3. Grades mit dem gesamten Umlaufvermögen einschließlich Vorräten. Alle drei werden als Prozentwert angegeben.
Wie berechnet man die Liquidität 1. Grades?
Liquidität 1. Grades = flüssige Mittel ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100. Flüssige Mittel sind Kassenbestand, Bankguthaben und Schecks. Bei 60.000 € flüssigen Mitteln und 250.000 € kurzfristigen Verbindlichkeiten ergibt das 24 Prozent.
Welcher Richtwert gilt für die Liquidität 1. Grades?
Als Faustregel werden 10 bis 30 Prozent genannt, unter anderem von Creditreform. Das ist kein Standard und keine gesetzliche Vorgabe: Weder das Gabler Banklexikon noch die Jahresabschlussanalyse von Haufe nennen Zielwerte. Ein Wert von 100 Prozent wäre auch kein Ziel, weil kein Unternehmen die Rechnungen eines ganzen Jahres auf dem Konto vorhält.
Was ist der Unterschied zwischen Liquidität 2. und 3. Grades?
Die Liquidität 3. Grades zählt zusätzlich die Vorräte in den Zähler, die Liquidität 2. Grades nicht. Der Abstand zwischen beiden Werten zeigt damit, wie stark ein Betrieb auf sein Lager angewiesen ist, um seine kurzfristigen Schulden zu decken. Bei Dienstleistern ohne Lager liegen beide Werte nahezu gleich.
Was bedeutet ein Liquiditätsgrad über 100 Prozent?
Über 100 Prozent heißt, dass die einbezogenen Vermögensposten die kurzfristigen Verbindlichkeiten rechnerisch vollständig decken. Bei der Liquidität 3. Grades ist das gleichbedeutend mit einem positiven Working Capital. Es heißt nicht, dass das Geld zum richtigen Zeitpunkt da ist — die Kennzahl kennt keine Fälligkeiten.
Was passiert, wenn die Liquidität 3. Grades unter 100 Prozent liegt?
Dann ist das Working Capital negativ: Kurzfristige Verbindlichkeiten finanzieren einen Teil des langfristig gebundenen Vermögens mit. Für Geschäftsmodelle mit sofortigem Zahlungseingang und langen Lieferantenzielen ist das normal. Bei allen anderen ist es ein Grund, die Fälligkeiten der nächsten Monate im Einzelnen durchzugehen.
Sind Cash Ratio, Quick Ratio und Current Ratio dasselbe wie die Liquiditätsgrade?
Ja, es sind die englischen Bezeichnungen derselben Kennzahlen: Cash Ratio entspricht der Liquidität 1. Grades, Quick Ratio der Liquidität 2. Grades, Current Ratio der Liquidität 3. Grades. Der einzige Unterschied ist die Darstellung — im Englischen wird das Verhältnis meist ohne Faktor 100 angegeben, also 1,16 statt 116 Prozent.
Woher bekomme ich die Zahlen für die Berechnung?
Aus der Bilanz. Das Umlaufvermögen ist nach § 266 Abs. 2 HGB in Vorräte, Forderungen, Wertpapiere sowie Kassenbestand und Bankguthaben gegliedert. Für den Nenner brauchst du nur die Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr — dieser Betrag ist nach § 268 Abs. 5 HGB bei jedem Posten gesondert vermerkt.
Reichen die Liquiditätsgrade, um die Zahlungsfähigkeit zu beurteilen?
Nein. Liquiditätsgrade sind Stichtagswerte und berücksichtigen weder die nach dem Bilanzstichtag entstehenden Zahlungen noch deren zeitliche Lage. Ob im nächsten Quartal Geld auf dem Konto ist, beantwortet nur eine Liquiditätsplanung, die Ein- und Auszahlungen mit Datum fortschreibt.